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Das Interview mit Anne Weiss

PagePlace: Wann und wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Anne Weiss: In der ersten Schulklasse. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Nein, im Ernst … geschrieben habe ich immer schon gerne, aber erst, als ich mit meinem Co-Autor Stefan Bonner im Büro saß, standen wir eines Tages vor der Frage, ein ganzes (!) Buch zu zweit zu schreiben – das war, als wir durch mehrere schräge Erlebnisse die Idee zu „Generation Doof“ hatten.
PagePlace: Wer ist Ihr Vorbild – beim Schreiben und im Leben? Anne Weiss: Zu viele, um sie alle aufzuzählen: Wer schreibt, muss viel lesen. Aber ich mag sehr verschiedene Dinge: Den hintergründigen Witz von Robert Gernhardts Gedichten, die Bissigkeit von Max Goldts Texten, den Ideenreichtum von Douglas Adams, die verschrobenen Charaktere von TC Boyle, die Wortgewandtheit von Jeffrey Eugenides und das außergewöhnliche Roman-Inventar von John Irving. Bei Sachbüchern achte ich sehr auf die Recherche und bewundere Autoren, die trotz komplexem Thema unterhaltsam und leichtfüßig erzählen können oder die selbstironisch sind. Mein Vorbild, was das Leben angeht? Alle, die mit dem zufrieden sind, was sie haben.
PagePlace: Welche Bücher haben Sie in Ihrer Jugend beeindruckt? Anne Weiss: Ich bin in den Siebzigern und Achtzigern aufgewachsen, Kalter Krieg und Ökotrend prägten damals auch die Jugendbücherwelt - neben den Titeln, die inzwischen als Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur gelten. Die Mischung reichte also von „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren und „Krabat“ von Ottfried Preußler über „Momo“ von Michael Ende bis zu „Die letzten Kinder von Schewenborn“ von Gudrun Pausewang, „Der gelbe Vogel“ von Myron Levoy und „Die Welle“ von Morton Rhue. Später verschlang ich Schmöker wie „Der Medicus“ oder „Der Name der Rose“, alles von Edgar Allan Poe und Gruselklassiker wie „Dracula“. Ich habe Bücher eingeatmet und auch durch die Schule vieles kennen und lieben gelernt, was ich vielleicht ohnedies vielleicht niemals angepackt hätte: Hesse, Mann, Dürrenmatt, Frisch, Hemingway oder Kafka…
PagePlace: Was inspiriert Sie und woher bekommen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Anne Weiss: Das kann alles sein. Eine witziges Erlebnis, eine skurrile Begebenheit, ein Zeitungsartikel, ein Abend mit Freunden, eine Zufallsbekanntschaft, ein Plakat, eine Nachrichtenmeldung. Ideen hat, wer auf die Welt neugierig ist.
PagePlace: Wie recherchieren Sie Ihre Themen? Anne Weiss: Es ist wichtig, zuzuhören und genau hinzusehen – wir sprechen mit vielen unmittelbar Betroffenen, interviewen Experten und lesen viel zum Thema.
PagePlace: Wer bekommt Ihre Bücher als erstes zum Probelesen? Anne Weiss: Mein Co-Autor Stefan und ich tauschen die Texte so lange aus, bis wir sicher sind, dass wir sie gefahrlos unserer Lektorin zu lesen geben können. Insofern ist er mein erster Probeleser und ich bin seine erste Probeleserin…
PagePlace: Wie sieht die Zusammenarbeit mit Anne Weiss aus? Anne Weiss: Das Ideensammeln und Quatschmachen macht mit ihm am meisten Spaß. Wenn wir kürzere Texte schreiben, setzen Stefan und ich uns gemeinsam vor den Monitor. Wir kennen uns inzwischen so gut, dass wir uns gut ergänzen. Wenn wir längere Texte schreiben, tut das jeder für sich, dann schicken wir uns das Ergebnis zu und der andere liest und macht Anmerkungen dazu. Wir reden viel. Recht ungewöhnlich zwischen Mann und Frau.
PagePlace: Finden Sie selbst Zeit zum Lesen? Falls ja, was lesen Sie am liebsten? Anne Weiss: Zeitunglesen bei einem gemütlichen Kaffee ist meine Lieblingslektüre. Ich bin außerdem ein Sachbuchleser – am liebsten etwas möglichst Witziges, Informatives oder Skurriles. Und ich lese gern Romane, die mir ein Panorama einer Zeit oder eine Familiengeschichte erzählen: Zuletzt habe ich Hans Fallada „Jeder stirbt für sich allein“ endlich durchgelesen (neben den vielen Manuskripten bei der Arbeit hat das bei dem dicken Wälzer etwas länger gedauert!), außerdem liegen der neue Eugenides und Kumpfmüller auf meinem Nachttisch. Ich lese alles, was mich thematisch interessiert – und das ist fast alles. Nur die Zeit ist leider begrenzt.
PagePlace: Wie und wo verbringen Sie am liebsten Ihre freie Zeit?
Anne Weiss: Freie Zeit, was war das noch? Ach ja … Ich gehe gern ins Aquarium oder am Rhein spazieren. Und ich liebe es, im Café nahebei die Zeit zu verbummeln, zu lesen oder mit Freunden zu quatschen.
PagePlace: Wie stellen Sie sich Ihren typischen Leser vor? Anne Weiss:
Wir haben bei Lesungen herausgefunden, dass unsere Leser aus allen möglichen Altersgruppen und Hintergründen kommen. Aber Humor muss er (oder sie) haben – und offen für Neues sein.
PagePlace: Haben Sie gelegentlich persönlichen Kontakt zu Ihren Lesern? Anne Weiss: Ja, wir freuen uns über alle Post (elektronisch oder altmodisch auf Papier), die uns erreicht. Bei Lesungen diskutieren wir gern mit dem Publikum. Und bei Facebook – aber zählt das wirklich als persönlicher Kontakt? Eine Frage, die heute nicht mehr viele beantworten können…
PagePlace: Woher stammt das Interesse für Jugend- und Joghurtkulturen? Anne Weiss: Jugendkulturen haben mich schon im Studium interessiert, seitdem ich mich mit der Beatgeneration und verschiedenen anderen Subkulturen beschäftigt habe. Es hat mich schon immer fasziniert, dass es bestimmte Codes gibt, nach denen Jugend- und Subkulturen miteinander kommunizieren. Und Joghurt, nun ja, wen interessiert der nicht?
PagePlace: Würden Sie sich selbst als phantasievoll beschreiben? Anne Weiss:
Leider manchmal zu sehr – deswegen kann ich auch keine Gruselfilme sehen.
PagePlace: Welche Eigenschaft wird Ihnen von Freunden und Bekannten als charakteristisch nachgesagt? Anne Weiss:
Dass ich mich immer für alles verantwortlich fühle.
PagePlace: Mit welchem Talent bzw. welcher Gabe wären Sie gerne auf die Welt gekommen? Anne Weiss:
Neulich hat mal jemand gesagt, dass es eine westliche Luxusproblematik sei, sich fragen zu können, ob man lieber anders wäre. Ganz genau. Man sollte einfach gelassener sein.
PagePlace: Kann man Schreiben lernen? Anne Weiss:
Man kann bestimmte Schreibtechniken lernen, aber nicht jeder findet seine eigene „Stimme“, also die ganz eigene, besondere Art zu schreiben.
PagePlace: Welche Tipps würden Sie jungen Autoren mit auf den Weg geben? Anne Weiss:
Unbedingt Texte anderer Autoren lesen. Vorbilder finden, keine Kopiervorlagen. Testleser finden. Wohlmeinenden Rat anhören. Überkritischen Rat anhören. Drüber nachdenken. Und nicht aufgeben – wenn man etwas wirklich will, dann schafft man es meist auch.
PagePlace: Wie sehen Sie die Zukunft des digitalen Lesens? Anne Weiss:
Wie sich das digitale Lesen in der Zukunft verändern wird, hängt ein bisschen von den Lesegeräten ab. Wenn die gut, günstig, wasserfest sind, werden mehr Leute zum digitalen Buch greifen als bisher. Und die Texte werden sich auch weiter an das neue Medium anpassen.
PagePlace: Möchten Sie uns über Ihr nächstes Projekt erzählen? Anne Weiss:
Wir überlegen gerade in verschiedene Richtungen, es könnte wieder ein Sachbuch werden oder ein Roman. Oder beides. Mal sehen.
PagePlace: Ihre Lebensweisheit….? Anne Weiss:
Da muss ich auf schlaue Leute zurückgreifen. „Auf die Absicht aller Dinge, nicht auf den Erfolg blickt der Weise“, sagte Seneca. „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“, sagt Einstein. Und Stefan sagt immer, ich soll mir nicht so viel Stress machen – in sechzig Jahren würde es sowieso niemanden mehr interessieren, was mich jetzt so anfrisst.
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